Gedankenstück

Aphantasie und Design

Wie es als Designer ohne mentale Bilder funktioniert und warum das kein Widerspruch ist.

Ich weiß es seit letztem Jahr im Juni. Ich habe auf der Fährüberfahrt von Schweden nach Deutschland einen Podcast von Jean-Pierre Krämer gehört, dem Gründer von JP Performance. Er hatte eine schwierige Kindheit und konstruierte schon als Kind Bauteile, Mechaniken vor seinem inneren Auge. Er visualisiert sie einfach, dreht sie, verändert sie und durchdenkt dadurch. Diese innere Simulation prägt ihn bis heute: Er sagt, er könne dadurch Situationen besser vorhersagen als die meisten.

Ich habe zugehört und mich gefragt: Wovon redet er?

Ich dachte, das sei eine Metapher. Dass niemand wirklich Bilder im Kopf sieht. Dass Formulierungen wie „stell dir vor" oder „siehst du das vor dir" Redewendungen sind. Dann habe ich recherchiert. Der Begriff dafür ist Aphantasie: die Abwesenheit mentaler Bilder. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich nichts.

Ich bin über 30 Jahre alt geworden, ohne das zu wissen.

Das vermeintliche Paradox

Ich habe Design studiert und arbeite seit über zehn Jahren in Gestaltung und Technologie. Angefangen als technischer Produktdesigner in der Automobilindustrie, CAD-Modelle für Serienfahrzeuge. Danach Industrial Design studiert, dann einen Master in Creative Direction. Zwei Jahre Creative Director in einem Startup für Augmented Reality. Danach Innovationsmanagement. Heute Business Analyst für KI und Automatisierung.

Die meisten Leute fragen an dieser Stelle, wie das zusammengeht.

Der Prozess ist ein anderer

Ich denke direkt im Material. Im CAD-System, auf dem Bildschirm. Jeder Gedanke muss sofort externalisiert werden, weil er sonst nirgendwo existiert. Alles geht raus, damit ich damit arbeiten kann.

In der Automobilindustrie habe ich Geometrien parametrisch definiert. Radien, Wandstärken, Flächenübergänge, Bauteilgruppen, Zusammenbaureihenfolgen. Da habe ich sehr viel in Regeln und Systemen gedacht.

Systeme statt Vorstellungen

Wenn ich Konzepte aufbaue, definiere ich die Logik, nach der Entscheidungen fallen. Das Ergebnis entsteht aus dieser Logik. Die Qualität hängt an nachvollziehbaren Kriterien, an denen sich jede Designentscheidung begründen lässt. Zum Beispiel: Es muss alles so gestaltet sein, dass sich Nutzende leicht und intuitiv bewegen können — dass sie die richtigen Mikroentscheidungen innerhalb dieses Konzepts treffen.

Als Creative Director beurteile ich, was vor mir liegt — anhand von Kriterien, die vor dem Prozess definiert wurden. Es gibt kein Bild in meinem Kopf, mit dem ich vergleichen könnte. Das macht mich offener für das, was tatsächlich entsteht. Ich hänge an keiner Vorstellung, die ich schützen müsste.

Was ich daraus gelernt habe

Aphantasie verschiebt den Designprozess nach außen. Jeder Entwurf beginnt als Artefakt, als etwas Sichtbares und Prüfbares — und es ist auch das, was Nutzende und alle anderen sehen. Im Kopf ist nichts Visuelles.

Ich bin quasi weniger von mir selbst abgelenkt.

Ein Spektrum

Aphantasie ist Teil eines Spektrums. Am anderen Ende steht Hyperphantasie: Menschen, die Bilder so lebendig erzeugen, dass sie kaum von realer Wahrnehmung zu unterscheiden sind. Jeder Mensch sitzt irgendwo auf dieser Skala.

Die Forschung ordnet beides als Neurodivergenz ein — eine Variante, wie Gehirne Informationen verarbeiten. Etwa zwei bis vier Prozent der Bevölkerung haben Aphantasie, rund drei Prozent Hyperphantasie. Die meisten wissen es nicht.

Was damit einhergeht, ist individuell verschieden. Bei Aphantasie kann das autobiografische Gedächtnis schwächer ausgeprägt sein. Gesichtserkennung fällt manchen schwerer. Studien zeigen eine Korrelation mit Autismus-Spektrum-Merkmalen und mit der Tendenz, in wissenschaftlichen oder technischen Berufen zu arbeiten. Hyperphantasie korreliert mit Synästhesie und einer erhöhten Anfälligkeit für PTSD, weil traumatische Erinnerungen als intensive Bilder wiederkehren können.

Beide Enden des Spektrums haben Konsequenzen. Sie sind verschieden, und keines ist besser.

Was das Wissen verändert

Über 30 Jahre lang dachte ich, alle denken so wie ich. Dass niemand wirklich Bilder sieht — und bin daher vielleicht in den immersiven Technologien bei der Firma YONA gelandet. Seit ich weiß, dass es Aphantasie gibt, verstehe ich Dinge, die vorher keinen Rahmen hatten. Warum ich mir Gesichter schlecht merke. Warum Urlaubserinnerungen bei mir als Fakten gespeichert sind und nicht als Bilder. Warum mein Zugang zu Texten über Zusammenhänge läuft, nicht über innere Szenen.

Dieses Wissen gibt Orientierung. Ich kann benennen, wie mein Kopf arbeitet. Und ich kann erklären, warum mein Designprozess so aussieht, wie er aussieht.

Zusammenarbeit über das Spektrum hinweg

In jedem Team sitzen Menschen mit unterschiedlicher Vorstellungskraft. Manche denken in Bildern, andere in Konzepten oder Sprache. Die meisten wissen nicht, dass andere anders denken. Das führt zu Missverständnissen, die niemand als solche erkennt.

Wenn jemand im Meeting sagt „stell dir vor, wie das aussieht", passiert bei mir nichts Visuelles. Ich übersetze den Satz in eine Struktur: Was ist gemeint? Welche Eigenschaften hat das Ergebnis? Welche Kriterien müsste es erfüllen? Das funktioniert — aber es ist ein Übersetzungsschritt, den die andere Person nicht sieht.

Was hilft: Zeigen statt beschreiben. Selbst grobe Skizzen kommunizieren mehr als verbale Beschreibungen. Früh prototypen, damit alle auf dasselbe schauen. Konkrete Sprache verwenden — nicht „stell dir ein cleanes Layout vor", sondern „hier ist eine Möglichkeit, wie das aussehen könnte." Das gilt in beide Richtungen. Menschen mit Hyperphantasie können von der Detailtreue ihrer inneren Bilder so überzeugt sein, dass Alternativen schwerer Raum bekommen. Wer sehr visuell denkt, braucht manchmal den Schritt zurück zur Struktur. Wer wie ich gar nicht visuell denkt, braucht den Schritt zum Artefakt.

Die beste Zusammenarbeit entsteht, wenn das Team versteht, dass verschiedene Köpfe verschiedene Zugänge brauchen — und dass jeder davon funktioniert.